Pubertät und Grenzen – Interview mit Berit Julie Fritz

Pubertät und Grenzen: Warum ein klares Nein Jugendlichen oft mehr hilft als lange Erklärungen

Wenn Gespräche mit Teenagern regelmäßig in Diskussionen enden, liegt das Problem selten an fehlender Liebe. Häufig fehlt etwas viel Unpopuläreres: eine klare, ruhige Grenze. Viele Eltern versuchen dann, jedes Nein zu begründen, zu verhandeln, pädagogisch „richtig“ zu verpacken. Das klingt vernünftig, überfordert aber oft genau die Menschen, die gerade sowieso mit Umbauarbeiten im Kopf, im Körper und im sozialen Leben beschäftigt sind.

Berit Julie Fritz, Homöopathin in Berlin (prozessorientierte Homöopathie, systemische Aufstellungsarbeit, Körperpsychotherapie), bringt es auf einen Satz: Jugendliche brauchen Räume, die Erwachsene definieren und begrenzen. Innerhalb dieser Räume dürfen sie sich frei bewegen.

Pubertät als Übergang: Warum Grenzen in dieser Phase so wirksam sind

Pubertät ist kein „schlechtes Verhalten“, das man wegmoderieren muss. Es ist eine Übergangsphase, in der sich Identität, Zugehörigkeit und Autonomie neu sortieren. Das betrifft den Jugendlichen, aber auch das Familiensystem. Eltern reagieren plötzlich auf ein „neues Kind“, Geschwister auf einen veränderten Status, Regeln müssen neu verhandelt werden.

Hier ist der entscheidende Perspektivwechsel: Grenzen sind nicht das Gegenteil von Beziehung, sie sind oft ihre Voraussetzung. Denn ohne verlässliche Leitplanken wird Freiheit zur Überforderung.

„Ich glaube, dass die Kinder auch heutige Kinder egal welche Kinder eine Art Struktur brauchen und damit meine ich nicht durchregierender Eltern sondern Struktur an der Leitplanke, ein Möglichkeit des Neins.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Warum das praktisch relevant ist: Ein kindliches oder jugendliches Gehirn kann nicht dauerhaft die Verantwortung für zu viele Entscheidungen tragen. Wer alles offen lässt, produziert nicht automatisch Selbstständigkeit, sondern häufig Stress, Widerstand oder Rückzug.

Das häufigste Missverständnis: Das Nein muss nicht erklärt werden

Viele Eltern sprechen sehr viel mit ihren Kindern, oft auch sehr klug. Nur: Pubertierende brauchen nicht bei jeder Grenze ein langes Argumentationspaket. Ein Nein ist eine Information. Und es ist auch eine Reibungsfläche, an der sich Entwicklung entzünden darf.

Berit beschreibt, dass gerade das intellektuelle „Ausdiskutieren“ von Grenzen eskalieren kann, weil es den Konflikt verlängert und den Jugendlichen in eine Dauerdebatte zwingt, statt ihm Orientierung zu geben.

„Es muss nicht immer eine Erklärung haben, das Kind braucht nicht immer und auch der Jugendliche braucht nicht in meine Erklärungen fürs Nein. Das reicht ein Nein zu hören und sich dann auch darüber aufregen zu können.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Was Eltern daraus ableiten können:

  • Regeln klar formulieren (Handyzeiten, Ausgehzeiten, Schlaf, Schule).
  • Weniger verhandeln, mehr Haltung zeigen.
  • Den Ärger aushalten, ohne sofort zu retten oder zu relativieren.

Das klingt simpel, ist aber emotional anspruchsvoll. Denn hinter dem Erklärdrang steckt oft Angst: Angst, die Nähe zu verlieren, Angst vor Abgrenzung, Angst vor Kontrollverlust.

Loslassen ohne Kontaktabbruch: Der „Raum“ ist wichtiger als die Kontrolle

Pubertät tut Eltern weh, weil sie erleben, dass sie weniger gefragt sind. Zimmertüren schließen sich, Gespräche werden knapp, Meinungen wirken radikal. Der Impuls ist dann oft: mehr reden, mehr nachfragen, mehr „dranbleiben“. Berit hält dagegen: Entscheidend ist, ob Jugendliche einen Raum haben, in dem sie sich entwickeln dürfen, ohne ständig kommentiert zu werden.

„Wie kann ich gegenüber meinem Kind einen Raum geben, wo es sich selber entwickeln darf ohne mein ewiges Reinquatsche.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Und gleichzeitig braucht dieser Raum Grenzen. Marvin Zander fasst es treffend zusammen: Es geht um Freiheit innerhalb eines Rahmens, der nicht zu eng ist, aber verlässlich bleibt.

„Es geht um Räume, dass ich die Räume definiere und auch begrenze.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Praktische Umsetzung im Familienalltag:

  • Vereinbart wenige, aber klare Grundregeln (statt 30 Detailvorschriften).
  • Trennt Beziehung von Kontrolle: Interesse zeigen, ohne zu verhören.
  • Plant bewusst „Leerstellen“: mal ein Elternteil weg, mal der andere, damit Rollen im System sichtbar werden und sich neu sortieren können.

Wo Homöopathie in der Pubertät ansetzt: „Das Thema hinter dem Symptom“ finden

Jetzt zur Homöopathie, ausdrücklich als Ergänzung und mit Respekt gegenüber anderen medizinischen Ansätzen. In dieser Episode wird Homöopathie nicht als „Mittel gegen Pubertät“ verstanden. Sondern als prozessorientierte Arbeit: Was ist das Thema hinter dem Symptom, und was hat den Prozess ausgelöst?

Berit beschreibt prozessorientierte Homöopathie so, dass sie den Menschen auf mentaler, emotionaler und körperlicher Ebene betrachtet und nach dem Auslöser fragt.

„Deswegen ist für mich das Wichtigste an der prozessorientierten Homöopathie, dass ich das Thema dahinter finde. Das Thema hinter dem Symptom.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Das ist in der Pubertät besonders relevant, weil Symptome oft „systemisch“ entstehen: Schlafprobleme, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Panik, Rückzug, Aggressivität, exzessive Mediennutzung oder riskantes Verhalten. Nicht als moralisches Versagen, sondern als Ausdruck von Überforderung, Konflikt, Sehnsucht, Abgrenzung oder Loyalität im Familiensystem.

„Das Kind verändert sich nicht, das Symptom wird überflüssig“: Was Eltern an Homöopathie oft falsch verstehen

Viele Eltern haben Sorge, ihr Kind könne durch eine Behandlung „verändert“ werden, ähnlich wie sie es von Psychopharmaka oder Stimulanzien befürchten. Berit setzt hier einen klaren, beruhigenden Gedanken: Ziel ist nicht, Persönlichkeit zu formen, sondern Regulation zu unterstützen, sodass das Symptom seine Funktion verliert.

„Das Kind verändert sich nicht sondern das Symptom wird überflüssig.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Sie beschreibt Homöopathie in dieser Phase als Unterstützung des Systems. Manchmal ist es aus ihrer Sicht sogar zweitrangig, ob das Mittel dem Kind oder den Eltern gegeben wird, wenn das Thema systemisch ist.

„Ich glaube der Auftrag einer Homöopathie ist das System zu unterstützen.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Wichtig dabei: Berit positioniert sich ausdrücklich komplementärmedizinisch und nicht ideologisch. Je nach Situation kann es sinnvoll sein, schulmedizinische Unterstützung zu nutzen, um überhaupt erst Ruhe und Gesprächsfähigkeit herzustellen.

„Ich arbeite da komplementär medizinisch. Ich finde das toll wenn sich das besser verknüpfen würde und nicht eine Schlechtung des Anderen.“ (Berit Julie Fritz, Homöopathin)

Die drei Dinge, die du ab morgen anders machen kannst

  1. Formuliere ein Nein kurz und ruhig. Kein Vortrag, keine Verhandlung. Halte den Ärger aus, ohne sofort zu erklären oder zurückzurudern.
  2. Definiere den Raum, nicht jede Bewegung darin. Wenige Grundregeln, klare Leitplanken. Innerhalb davon: Vertrauen und Entwicklung zulassen.
  3. Wenn Symptome auftauchen, frage nach dem Prozess dahinter. Seit wann ist es da? Was hat begonnen oder geendet? Was hat sich im System verändert? Genau dort liegt oft der Hebel, ob du homöopathisch, systemisch, psychotherapeutisch oder schulmedizinisch weitergehst.